Fallbeispiel 6

Traumatherapeutische Behandlung eines Patienten mit Angststörung und Depression

Der 48-jährige Patient kommt zu mir in psychotherapeutische Behandlung, weil er seit der Trennung von seiner Lebenspartnerin unter Schlaf-, Antriebs- und Konzentrationsstörungen leidet. Auch treten seit dieser Zeit plötzliche Angstgefühle auf, dann kann er nicht durchatmen, das Herz rast und er hat Panik. Ich behandelte den Patienten etwa ein Jahr tiefenpsychologisch-fundiert einmal wöchentlich im Sitzen. In dieser Zeit konnte er sich stabilisieren und die depressiven Symptome verschwanden. Seine Angstattacken persisierten jedoch, so dass ich mich entschloss, eine EMDR-Sitzung zu machen. Obwohl seine Ängste in der aktuellen Situation durch die Trennung ausgelöst wurden, hatten sie ihre Wurzel in einer frühen Traumatisierung: Die Mutter erkrankte nach der Geburt des Patienten selbst depressiv und war aufgrund körperlicher Schmerzen (chronische Rückenschmerzen) nicht in der Lage, ihren Sohn zu stillen oder auf den Arm zu nehmen, weswegen der kleine Junge die ersten Monate nur im Bettchen oder im Laufstall verbrachte und durch die Gitterstäbe mit einem Fläschchen gefüttert wurde! Dieses frühe Beziehungstrauma kann als Ursache seiner Angst verstanden werden, war es doch dem Patienten nicht möglich, durch diese Umstände genügend Vertrauen - das sogenannte Urvertrauen - in Bezugspersonen und das Leben zu bekommen. Er musste schon früh die Erfahrung machen, mit seinen Ängsten, Gefühlen und Bedürfnissen allein gelassen zu werden und nicht genügend genährt und gehalten zu werden.

Während der EMDR-Sitzung übermannte ihn dann auch zuerst die Angst und er fühlte sich ihr ausgeliefert, machtlos, unfähig, sie in den Griff zu kriegen. Als Beispiel dafür kam in der Sitzung eine Situation hoch, in der er plötzlich im Auto eine Panikattacke hatte, im Stau stand und nicht aussteigen konnte. Seine zutiefst empfundene Hilflosigkeit in dieser Situation gipfelte in dem Satz: „Ich schaffe es nicht!“ Er entwickelte während der Sitzung alle körperlichen Symptome einer Panikattacke: Herzrasen und Atembeklemmung, es wurde ihm heiß, er wurde unruhig und konnte nur mit Mühe die Sitzung fortsetzen. Im weiteren Verlauf des traumatherapeutischen Prozesses spürte er dann auch eine große Trauer. Plötzlich sah er sich als kleinen Jungen ganz allein in einem Laufstall sitzen und weinen, so wie es wohl in seiner frühen Kindheit wirklich oft stattgefunden hat. Dann stellte sich im weiteren Prozess die Wut darüber ein, so von seiner Mutter behandelt worden zu sein. Auch dieses Gefühl konnte durchlebt werden, bis schließlich ein anderes kam und er sich stark und kompetent fühlte. Für dieses Gefühl fand er den Satz: „Ich schaffe es!“ Dieses positive Gefühl konnte im Verlauf der weiteren Sitzung noch so verankert werden, dass er mit diesem Gefühl die Sitzung abschließen konnte. Auch nach dieser Sitzung konnte er dieses Gefühl der Kompetenz und Stärke immer wieder aufleben lassen und es in Situationen, wo sich Anflüge einer Panikattacke zeigten, mit Erfolg anwenden. Seitdem hat er nie mehr diese Angstanfälle gehabt.

Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie lief nach dieser Sitzung noch etwa 2 Jahre weiter. In dieser Zeit konnte er sich weiter stabilisieren, konfliktfähiger werden und einen guten Zugang zu seinen eigenen Gefühlen entwickeln. Mittlerweile ist die Therapie abgeschlossen und der Patient symptomfrei.