Fallbeispiel 9

Coaching einer Führungsperson in einem Arbeitsplatzkonflikt

Der 50-jährige, attraktive Klient sucht mich auf mit dem Auftrag, ihm in einem aktuellen Arbeitsplatzkonflikt beizustehen. Er ist sehr erfolgreich in einer großen Firma und fühlt sich jetzt von einem jüngeren, ehrgeizigen Kollegen systematisch „ausgebootet“. Er weiß nicht, wie er sich im Moment verhalten soll, kann nicht souverän und kompetent reagieren, sondern wechselt zwischen aggressiv-gereizten Reaktionen und depressivem Rückzug

Anamnese: Der Klient ist der Dritte von vier Kindern und wuchs in einem grossen landwirtschaftlichen Betrieb auf. Die Eltern konnten ihm nur ungenügend Zuwendung und Aufmerksamkeit zukommen lassen, da sie durch den grossen Bauernhof und der damit verbundenen Arbeitsbelastung wenig Zeit für die Kinder hatten. Der Junge versuchte, ein gutes und unauffälliges, liebenswertes Kind zu sein, den Eltern keine Probleme zu machen und ohne Murren mitzuarbeiten, und trotzdem wurde er wenig beachtet. Er fühlte sich als Kind immer so, als ob er allein inmitten der Familie stehe und mit einer hilflosen Geste sage: Da stehe ich nun mit meiner ganzen Liebe und niemand sieht mich.

Verlauf des Coaching-Prozesses: In seiner gegenwärtigen Arbeitssituation wiederholt sich für den Klienten seine frühe Kindheit: Obwohl er sich für die Firma aufgearbeitet hat und all seine Energie und Kompetenz darin investiert hat, fühlt er sich nun nicht richtig anerkannt und wertgeschätzt und muss fürchten, von einem jungen, aufstrebenden Kollegen ersetzt zu werden. Anstatt als erwachsener Mann dieser Situation souverän entgegenzutreten, fühlt er sich klein und hilflos, in die Enge getrieben und reagiert oft unangemessen emotional. Blitzschnell wird er in alltäglichen beruflichen Situationen in dieses Gefühl hineinkatapultiert und findet dann nicht mehr heraus, so dass es im Moment wirklich so scheint, als ob er das Feld räumen müsste. Wir erarbeiten in den Sitzungen zuerst die Parallele in seiner Lebenssituation, die sich nun darstellt: genauso wie als Kind von den Eltern fühlt er sich nun vom Arbeitgeber alleingelassen, nicht gesehen und wertgeschätzt in all seiner Leistung. Im Verlauf des Coaching-Prozesses kann der Patient sein frühkindliches Erleben von der aktuellen beruflichen Situation trennen, er ist sich zunehmend seiner erwachsenen Kompetenzen und Ressourcen bewusst, die ihn nunmehr befähigen, den Konflikt aktiv anzugehen und seine Position zu stärken. Es werden konkrete Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, wie er nunmehr klug und überlegt seine verschiedenen Kontakte in die einzelnen Ebenen des Betriebes nutzen kann. Positive Ressourcen wie berufliche Kompetenz, Erfahrung, Wissen, langjährige Beziehungen zu verschiedenen Kollegen und daraus resultierende Netzwerke werden dem Klienten bewusst und es gelingt, Strategien und Perspektiven zu erarbeiten. Der Klient konnte so durch reflexives und ressourcenorientiertes Arbeiten einen aktuellen Arbeitsplatzkonflikt lösen und in seiner persönlichen Entwicklung einen Fortschritt machen: weg von der unbewusst frühkindlich bedürftigen Position, die sich in diesem Konflikt wiederholte, hin zu einer erwachsenen, konfliktfähigen und souveränen Haltung.