Fallbeispiel 5

Kombination von psychotherapeutischer und homöopathischer Behandlung
(Diagnose: Endogene Depression)

Die Patientin kommt zu mir, weil sie seit 20 Jahren unter immer wiederkehrenden depressiven Phasen leidet. Diese Phasen kommen etwa alle 3 bis 4 Monate und versetzen sie dann in einen lähmungsartigen Zustand. Dann kann sie nicht mehr arbeiten, nicht mehr klar denken, sie sitzt nur herum und starrt vor sich hin. Gleichzeitig mit diesen depressiven Phasen tritt eine schwere Obstipation auf, nur mit äußerster Mühe (Einlauf, Laxantien) kann sie Stuhl absetzen. Sobald sich die Darmtätigkeit wieder normalisiert, geht es ihr auch psychisch wieder besser. Dann kann sie sich wieder um Haus und Garten kümmern, ist sehr aktiv in ihrem sozialen Umfeld und interessiert an dem Geschehen in der Welt. Allerdings ist diese gute Zeit immer überschattet von der Angst, von heute auf morgen wieder in das depressive Loch zu fallen. Alle bisherigen Behandlungen konnten sie nicht von diesem Leid befreien.

Die Patientin ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne, zu denen sie einen guten Kontakt hat. Sie neigt dazu, sich zu überlasten und kann sich schwer abgrenzen.

Anamnese: Die Patientin wuchs die ersten drei Lebensjahre als Jüngere von zwei Kindern mit ihren Eltern und dem 3 Jahre älteren Bruder auf einem kleinen Bauernhof im Sudetenland auf. Der Vater wurde als Soldat in den Krieg eingezogen und kam nicht mehr zurück. Die Patientin hat keinerlei Erinnerungen an ihn. Die Mutter führte kurze Zeit den Bauernhof noch alleine, bevor sie mit den Kindern flüchten musste. Als Flüchtlinge fanden sie zwar Unterschlupf in einem kleinen bayerischen Dorf, hatten jedoch kein Geld und mussten von der Wohltätigkeit der Landbewohner leben. Später fand ihre Mutter Arbeit in einer Fabrik. Auch der Bruder musste schon früh bei den Bauern mitarbeiten, um das Familieneinkommen aufzubessern. Die Patientin sorgte sich in dieser Zeit um den kleinen Haushalt. Mit 14 Jahren musste sie in eine weit entfernte Stadt zum Besuch einer Handelsschule und wohnte dort in Untermiete bei einer strengen alten Frau. Danach Anstellung in einer Bank bis zu ihrer Heirat.

Psychische Entwicklung: In früher Kindheit durch Krieg, Vertreibung und Vaterverlust traumatisiert, konnte die Patientin diese Erlebnisse nicht aufarbeiten, sondern versuchte sie durch übergroße Anpassung und Leistung zu kompensieren. Als Flüchtling sozial diskriminiert, war es ihr nicht möglich, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln: Obwohl beruflich und privat erfolgreich, hatte sie zeitlebens das Gefühl, nichts zu können und nichts Wert zu sein. Durch große Anpassung, Pflichterfüllung und Tüchtigkeit konnte sie dem entgegenwirken, verleugnete und verdrängte jedoch eigene Bedürfnisse und Aggressionen. Sowohl die Selbstwertproblematik wie auch die Verdrängung und Verleugnung eigener Bedürfnisse und Gefühle sind psychodynamisch an der Entstehung ihrer depressiven Erkrankung beteiligt.

Therapie und Verlauf: Ich arbeitete mit der Patientin sowohl psychotherapeutisch mit der tiefenpsychologisch-fundierten Methode, einmal wöchentlich im Sitzen, als auch klassisch-homöopathisch. Im therapeutischen Prozess war es wichtig, die Patientin zu stützen und zu stärken, ihre Ressourcen zu aktivieren: Immer wieder wurde versucht, den Fokus auf ihre positiven Eigenschaften zu lenken und nicht auf das, was sie nicht kann! Auch der Zugang zu den eigenen Gefühlen wie Wut und Trauer wurde in der Therapie möglich. Sie erkannte, dass sie sich schwer abgrenzen kann und sich für die Bedürfnisse der anderen zur Verfügung stellt, ohne jedoch ihre eigenen spüren und leben zu können. Konflikte vermied sie, um nicht in die Gefahr zu kommen, ungeliebt zu sein! Dementsprechend war in der Therapie auch die Stärkung ihrer Konfliktfähigkeit ein großes Thema.

Homöopathisch behandelte ich sie begleitend zu dem psychotherapeutischen Prozess mit verschiedenen Akut - Mitteln, auch um ihre chronische Obstipation zu lindern. In einem langen Prozess schließlich fand ich ihr Konstitutionsmittel, was ihr nunmehr seit zwei Jahren sowohl für ihre psychische wie ihre körperliche Symptomatik sehr gut hilft: Es war Phosphor. Dieses Mittel traf den Kern ihres Wesens, denn Phosphor verbrennt, um den anderen Licht zu geben, und es bleibt nichts von der Substanz übrig! Auch die Patientin musste schließlich ein Leben lang den anderen leuchten, um überhaupt ein Lebensrecht zu haben, so dass für sie selbst nur wenig Licht übrig blieb! Seit der Behandlung mit diesem Arzneimittel und durch den sehr erfolgreichen therapeutischen Prozess lebt die Patientin seit zwei Jahren beschwerdefrei und ist überglücklich darüber.