Fallbeispiel 10

Eine 45-jährige leitende Angestellte mit Arbeitsplatzkonflikt.

Eine 35-jährige Klientin kommt zu mir mit dem Anliegen, ihr bei ihrem beruflichen Fortkommen zu helfen. Sie arbeitet in einem technischen Beruf im mittleren Management und will schon seit Längerem die nächst höhere Führungsebene erreichen. Und obwohl sie genauso qualifiziert ist wie ihre Kollegen und mindestens den gleichen Arbeitseinsatz leistet, fühlt sie sich „ausgebremst“. Ganz konkret wurde sie schon zum 3.Mal bei der Einstufung in die nächsthöhere Gehaltsklasse nicht berücksichtigt, während ein jüngerer Kollege mit weniger Berufserfahrung ihr vorgezogen wurde. Ihre Reaktion darauf war, die Schuld bei sich zu suchen und sich noch mehr anzustrengen. Sie übernahm noch mehr Arbeit, um ihrem Chef zu beweisen, dass sie einer Beförderung würdig sei. Nun wächst ihr die Arbeit über den Kopf und sie ist am Rande des psychischen und physischen Zusammenbruchs.

Wir erarbeiten in dem Coaching-Prozess, dass sie mit typisch weiblichen Verhaltensmustern auf diese Situation reagierte: anstatt ihren Führungsanspruch deutlich zu machen wartet sie, bis man auf sie zukommt. Eine weibliche Bescheidenheit, die im rauhen beruflichen Kokurrenzkampf kein geeignetes Mittel ist, um voranzukommen. Und die Selbstzweifel scheinen auch nicht dazu angetan, mit genügend Selbstsicherheit aufzutreten, um sich durchzusetzen und aufzusteigen. In dieser Situation erkennt die Klientin, dass sie genauso reagiert wie ihre Mutter: auch diese hatte immer bis zur Erschöpfung gearbeitet, an sich gezweifelt und sich wenig den Ansprüchen ihres Mannes gegenüber abgegrenzt, bis sie depressiv wurde und psychiatrisch behandelt werden musste. In der Coaching-Situation wird deutlich, dass sie sich männlichen Strukturen gegenübersieht, die jahrzehntelang eingespielt sind: es gab in ihrer Abteilung noch nie eine Frau in einer Führungsposition. Dementsprechend reagieren auch ihre Kollegen und Vorgesetzten nach altbewährten männlich geprägten Mustern, und es gilt nicht in erster Linie ihrer Person, dass sie nicht in ihrer Kompetenz wahrgenommen wird.

Ihre bisherige Strategie entspricht „typisch weiblichen“ Mustern: nämlich sich durch ernormen Arbeitseinsatz hochzuarbeiten, das Doppelte zu leisten wie ihre Kollegen, aber auch nur ja nicht zu grosse Ansprüche zu stellen, weil man sie sonst als arrogant wahrnehmen könnte. Diese Haltung wird reflektiert und korrigiert. Nun gelingt es ihr zunehmend, Arbeiten zu deligieren, Konflikte zu führen und ein Projekt offensiv zu leiten. Das führt dazu, dass einer ihrer Chefs auf sie aufmerksam wird, weil sie aus dem Schattendasein der Dienerin heraustritt, und sie fördert. Eine Hochstufung in die nächsthöhere Führungsebene wurde ihr jetzt vorgeschlagen, und das war es, was die Klientin im Moment erreichen wollte. Der Coaching-Prozess unter geschlechtsspezifischen „Gender“-Gesichtspunkten konnte so erfolgreich durchgeführt und abgeschlossen werden.