Fallbeispiel 7

Ein Ehepaar befindet sich in Trennung und sucht Beratung, um Konflikte zu klären.

Eine Ehepaar kommt auf Anraten der Psychotherapeutin ihrer Tochter zu mir. Das Kind ist in Therapie, weil es mit 8 Jahren immer wieder einnässt, Fingernägel beisst und Schwierigkeiten in der Schule hat. Die Kindertherapeutin sieht einen Zusammenhang zwischen der Symptomatik des Mädchens und der Paarsituation der Eltern, deshalb riet sie zu einer Paarberatung.

Der Vater, 59 Jahre alt und ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, kommt nur widerwillig. Er tue es für seine Tochter, sagt er, für sich selbst sehe er keinen Beratungsbedarf. Die Mutter, 47 Jahre alt, beginnt bei der Erstkonsultation zu weinen und erzählt, dass sie seit Jahren depressiv sei und nur mit Mühe ihren Alltag schaffe, obwohl sie seit der Geburt der Tochter nicht mehr arbeitet, weil sie sich auf ihre Familie konzentrieren wollte. Sie hat Schlaf- und Konzentrationsstörungen, keinen Antrieb mehr und verschiedene psychosomatische Symptome wie Migräne und unklare Bauch- und Rückenschmerzen.Sie leidet sehr unter der tatsächlichen und emotionalen Abwesenheit ihres Mannes und hat das Gefühl, dass er sich ihr immer mehr entzieht. Sie nimmt seit einiger Zeit ein Antidepressivum, bisher hatte sie noch keine Psychotherapie. In letzter Zeit gebe es zunehmend Spannungen in ihrer Ehe, erzählen beide. Man würde viel streiten und habe wenig gemeinsame Interessen. Beide haben schon an Trennung gedacht, wegen der Tochter sind sie aber noch zusammen. Mittendrin steht die Tochter und drückte mit ihren Symptomen die Not über den ungelösten Konflikt ihrer Eltern aus.

Um die Paarsituation zu verstehen, ist der biographische Hintergrund der beiden Partner wichtig:
Der Mann wuchs als einziger Sohn eines erfolgreichen Unternehmers und einer Hausfrau auf. Sein Vater, im 2.Weltkrieg traumatisiert, war zwar seiner Familie gegenüber fürsorglich und verantwortungsbewusst, emotional jedoch unzugänglich und durch viele Geschäftsreisen wenig in der Familie präsent. Der Junge übernahm unbewusst die emotional vacante Stelle
des Vaters und ersetzte der Mutter den Partner. Diese widerum überschüttete den Sohn zum einen mit ihrer Liebe und Fürsorge, zum anderen war sie dominant, übergriffig und dann wie- der abweisend: eine hochambivalente, missbräuchliche Mutter-Sohn-Beziehung also.
Die Ehefrau andererseits hatte eine brüchige Vaterbeziehung: als älteste von 2 Töchtern eines Lehrers und einer Buchhalterin versuchte sie, durch grosse Anstrengung den ehrgeizigen Ansprüchen ihres Vaters gerecht zu werden: sie war immer die Beste in der Schule, lernte folgsam ein Instrument und studierte schliesslich ebenfalls Pädagogik. Trotz ihrer Anstrengung konnte sie jedoch die Zuwendung ihres Vaters nur sehr spärlich gewinnen, zu sehr war er mit seinen Schülern und verschiedenen Ämtern in der ländlichen Gemeinde beschäftigt. In ihr blieb also unbewusst eine unerfüllte Sehnsucht nach dem fürsorglichen, haltgebenden und emotional zugewandten Vater bestehen, die sie auf ihren Ehemann projizierte.

In der Paarsituation trafen diese beiden unbewussten Beziehungsmuster aufeinander: die Ehefrau wollte endlich einmal von einem Mann umsorgt und versorgt werden, so wie sie es sich immer vergeblich von ihrem Vater gewünscht hatte, sie wollte also unbewusst von ihrem Mann eine Kompensation ihrer bisher unerfüllten Vater- Sehnsucht; der Ehemann handelte ebenfalls seinem unbewussten Beziehungsmuster gemäss: er war zum einen bemüht, die Bedürfnisse seiner Frau zu erfüllen, entzog sich ihr jedoch emotional andererseits aus unbewusster Wut darüber, wieder aufs Neue von einer Frau – wie früher von der Mutter – missbraucht zu werden. In der Paartherapie konnten diese bisher unbewussten Beziehungsmuster und deren Kollusion erkannt werden und es konnte sich ein gegenseitiges Verständnis der Partner füreinander entwickeln. Der therapeutische Prozess war oft für beide Partner schmerzhaft, und doch konnten sie dadurch aus ihren jeweiligen frühkindlich-unbewussten Prägungen durch einen intensiven Bewusstwerdungsprozess herausfinden. Die drohende Trennung konnte so vermieden werden und mit der Verbesserung der Paarsituation verlor die gemeinsame Tochter nach und nach ihre pathologische Symptomatik.