Fallbeispiel 4

Tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie einer paranoiden Psychose

Der 40-jährige Patient befand sich schon mehrmals wegen seiner paranoiden Psychose in stationärer Behandlung. Die Krankheit trat erstmalig im 30. Lebensjahr auf. Damals fühlte er sich beobachtet, verfolgt und hatte Angst, vergiftet zu werden. Schließlich steigerte sich sein Wahn so sehr, dass er sich als Erzengel Michael fühlte und versuchte, aus dem 1. Stock des Elternhauses zu springen, weil er überzeugt war, fliegen zu können.

Biographische Anamnese: Der Patient ist der Jüngste von vier Kindern einer Unternehmersfamilie. Die Arbeit im elterlichen Betrieb bestimmte das Familienleben: es war geprägt von großer Arbeitsbelastung, für elterliche Sorge und Zuwendung blieb keine Zeit. Einzig die Großmutter stellte für den Patienten einen emotionalen Bezugspunkt dar. Durch sie lernte er Liebe, Geborgenheit und Fürsorglichkeit kennen, aber auch den Blick für schöne Dinge: Als Blumenliebhaberin eröffnete ihm die Großmutter den Zugang zur Schönheit der Natur. Ihren Tod erlebte der 12-Jährige denn auch als besonders schmerzhaft. Trauer über diesen Verlust kam auch während des therapeutischen Prozesses wieder hoch.

Obwohl von den Eltern also nicht gefördert oder unterstützt, schaffte der begabte Junge ohne Probleme das Abitur und fing ein Studium an. Der Auszug aus dem Elternhaus zu Beginn des Studiums stellte eine Zäsur dar: Zum einen genoss er den Aufbruch in ein autonomes Leben, zum andern fühlte er sich aber immer noch sehr verantwortlich für seine Familie und zu ihr hingezogen. Das Erststudium brachte ihm nicht die gehoffte Befriedigung. Deshalb wechselte er und begann ein Zweitstudium. Hin und her gerissen zwischen Autonomie und Abhängigkeit blieb er ambivalent an sein Elternhaus gebunden. Er zog wieder in eine Einliegerwohnung im elterlichen Anwesen und versuchte, die Familie zusammenzuhalten. Als sehr sensibler und hoch begabter Mann erkannte er die Dysfunktionalität seiner Familie und versuchte, Kommunikation und Beziehung zwischen den Familienmitgliedern immer wieder herzustellen. Dies gelang ihm aber nur bruchstückweise. Eltern und Geschwister hatten zwar große Konflikte miteinander, konnten aber nicht darüber sprechen und entfernten sich so immer mehr. Die hilflosen Versuche des Patienten, die Familie zusammenzuhalten, gipfelten dann in der wahnhaften Vorstellung, als Erzengel Michael die Macht zu haben, die Welt zu retten!

Therapie und Verlauf: Ich behandelte den Patienten über 3 Jahre tiefenpsychologisch fundiert einmal wöchentlich im Sitzen. Da der Patient sehr introspektions- und reflexionsfähig ist, konnte die Therapie sehr fruchtbar für ihn durchgeführt werden. Wir konnten die Zusammenhänge seines wahnhaften Erlebens mit seinen familiären Beziehungserfahrungen herstellen und durcharbeiten. Auch Schuld und Scham über das eigene Versagen, nicht in der Lage gewesen zu sein, die Familie zusammenzuhalten oder sein Leben in den Griff zu bekommen, konnten thematisiert und verarbeitet werden. Ein traumatisches Erlebnis konnte ebenfalls wieder erinnert werden: Als Kind war er schuldhaft in einen Brand verwickelt und konnte diese Schuld nie verarbeiten. Während der Therapie begann er, sein Studium wieder aufzunehmen und schließlich sogar abzuschließen mit einer Diplomarbeit. Geschickt und angenehm im Umgang versteht er es, sich im universitären Rahmen eine Stellung zu verschaffen. Nur einmal während der Therapie hatte er einen kurzzeitigen Rückfall in seine paranoide Psychose, jedoch konnte sie durch eine Intensivierung der Psychotherapie und medikamentösen Therapie aufgefangen werden. Mittlerweile ist die Therapie erfolgreich beendet. Ein Traum zeigt, wie er selbst vom therapeutischen Prozess profitieren konnte und sich entwickelte: „Ich klettere mit einer Frau, die ausschaut wie Sie (Therapeutin) auf dem Olympiadach herum. Die Frau sichert mich, ich habe keine Angst, bewege mich ganz sicher auf dem unebenen Gelände!“ Die Deutung lieferte der Patient selbst: Seine Psychose war der spinnwebartige Untergrund, auf dem er sich die letzten Jahre bewegt hatte mit der Angst, jederzeit durchzubrechen. Nunmehr hat sich das spinnwegartige Gewebe gefestigt, er hat festen Boden unter sich, obwohl das fragile Gebäude noch sichtbar ist. Elastisch und doch stabil dient es nunmehr jedoch als Untergrund, um sich auch auf unwegsamen Gelände zu erforschen. Sogar auf diesem hügeligen Gebilde bewegt er sich nun behände und sicher, gesichert allerdings noch durch das Seil an die Therapeutin!