Fallbeispiel 3

Psychoanalytische Behandlung einer Patientin mit früher Störung

Die alleinerziehende Mutter zweier Töchter von verschiedenen Vätern kommt zu mir, weil sie sich mit der Erziehung ihrer Kinder im Moment überfordert fühlt: Sie fängt dann an, die Mädchen anzuschreien und auch schon mal zu schlagen. Sie empfindet sich selbst als „gefühlstot“ und kann auch die Liebe zu ihren Kindern nur schwer spüren. Das belastet sie sehr, und sie will jetzt eine Therapie machen, um ihre aggressiven Durchbrüche besser kontrollieren zu können. Außerdem leidet sie seit einigen Jahren an depressiven Stimmungsschwankungen, dann kann sie schlecht schlafen, ist antriebslos und hat an nichts mehr Freude. Auch die Arbeitssituation ist für sie wenig zufriedenstellend: Als freiberufliche Grafikerin ist sie mit ständigen Existenznöten konfrontiert.

Anamnese: Als Drittälteste von fünf Kindern wuchs sie in einer Sandwich-Position auf. Der Vater verstarb früh, weshalb die Mutter die Kinder alleine durchbringen musste. Aufgrund dieser Situation und ihrer „Sandwich“-Position innerhalb der Geschwisterreihe konnte die Patientin nur mangelhaft genügend Fürsorge und liebevolle Zuwendung vonseiten der Eltern bekommen. Für persönliche Aufmerksamkeit, körperliche Zärtlichkeiten oder Lob war im Familienumgang kein Platz. Die Patientin versuchte, dieses Defizit durch großen Leistungsanspruch zu kompensieren, war tüchtig und gut in der Schule, erfolgreich in Studium und Beruf. In ihren Beziehungen zu den verschiedenen Partnern wiederholte sich jedoch immer dasselbe: Ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche konnte sie nicht genügend deutlich machen, versuchte durch übergroße Anpassung an den Partner seine Liebe zu erhalten, musste jedoch immer wieder die Erfahrung machen, von den Partnern betrogen und verlassen zu werden.

Therapie und Verlauf: Am Anfang verhielt sich die Patientin sehr kontrolliert und rational. Im Rahmen einer Gesprächstherapie im Sitzen versuchte sie ihre Mangelerfahrungen zu analysieren und die Enstehung ihrer Situation zu verstehen. Emotionen wie Traurigkeit oder Wut konnte sie anfangs nicht zulassen. In den Therapiestunden spürte sie stattdessen körperliche Reaktionen wie eine große Müdigkeit oder einen Kloß im Hals: Es fiel ihr schwer, das Wissen um schmerzhafte Erfahrungen zuzulassen. Eine weitere „Fluchtreaktion“ waren in der Anfangszeit massive Verspätungen oder das komplette Vergessen von Terminen. Dieser Zustand dauere fast ein Jahr an. Eine schwere Geduldsprobe für Patientin und Therapeutin. Aufgrund der mangelhaften frühen Beziehungserfahrungen fiel es der Patientin unendlich schwer sich selbst auf eine dauerhafte tiefere Beziehung mit mir einzulassen. Dennoch hatte die Patientin den unbedingten Willen an der Therapie festzuhalten, weil sie „endlich die Chance hatte, zu erkennen, was hinter ihrem psychischen Leid steckte und etwas daran zu ändern.“

Nach einem/zwei Jahren hatte sich die familiäre Situation der Patientin deutlich entspannt. Um ihre tiefen Bindungsängste endgültig zu überwinden, beschloss sie eine Psychoanalyse zu machen. Die psychoanalytische Therapie dauerte insgesamt 4 Jahre, zweimal wöchentlich im Liegen. In diesem therapeutischen Prozess gelang es der Patientin, mit mir als Übertragungsobjekt – ich fungierte stellenweise als Mutter- bzw. Vaterersatz – ihre frühen Beziehungserfahrungen mit den Eltern durchzuleben und durchzuarbeiten. All ihre Wut und Trauer über das, was sie von den Eltern nicht bekommen hatte, konnte in der Therapie Platz finden. Als stellvertretende Elterninstanz in dem therapeutischen Prozess konnte ich diese Gefühle alle mit ihr durchleben, das heißt, die Patientin nahm mich als zuverlässigen und stabilen Counterpart wahr, den sonst Vater oder Mutter darstellen. Durch diese Übertragung war es der Patientin zunehmend möglich, ihr eigenes Selbst weiterzuentwickeln und zu stabilisieren. Auch die Wiederholung ihrer frühkindlich-traumatischen Beziehungserfahrung in den jeweiligen Partnerschaften konnte thematisiert werden sowie die hilflosen Versuche, den Partner zu halten: Schmerzlich war es für sie, einzusehen, dass hinter ihrem Kinderwunsch wohl auch das unbewusste Motiv steckte, ihre jeweiligen Partner dadurch zu halten!

Im Laufe der Therapie wurde die Patientin zunehmend authentisch-eigenständiger, sie war nicht mehr auf die Kompensation ihrer eigenen Bedürftigkeit durch jeweilige Partner angewiesen und fand so zu größerer Lebenszufriedenheit. Ihre Symptome verschwanden, sie konnte eine gute Beziehung zu ihren Kindern entwickeln und lebt mittlerweile in einer stabilen Partnerschaft. Auch beruflich konnte sie sich konsolidieren: Sie nimmt mittlerweile eine gut dotierte Position in einem Verlag ein. Sie pflegt einen großen und stabilen Freundeskreis, hat viele Hobbies und wieder Freude am Leben.