Fallbeispiel 11

Supervision

Ein Kollege kommt zu mir, um sich supervidieren zu lassen, weil er mit einer Patientin, die er homöopathisch behandelt, Schwierigkeiten hat. Er reagiert zunehmend gereizt und ungeduldig, weil die Patientin auf keine noch so gut ausgewählten Mittel, die er ihr verschreibt, positiv reagiert. Stattdessen wird sie immer bedürftiger, jammernder und er muss die meiste Zeit der Konsultation darauf verwenden, ihren Klagen zuzuhören. Auf die Frage nach der Biografie der Patientin stellt sich heraus, dass die Patientin schon früh von ihrer Mutter weggegeben worden sei, ihren Vater habe sie nie kennen gelernt. Sie sei in verschiedenen Heimen aufgewachsen und habe es schließlich doch geschafft, eine einigermaßen zufrieden stellende berufliche Stellung als Sachbearbeiterin in einem großen Betrieb zu bekommen. Sozial sei sie jedoch sehr isoliert, habe wenig Freunde, keinen Partner, keine Kinder. Das sei auch ihre größte Klage, nämlich immer von Männern enttäuscht zu werden und keinen Lebenspartner zu finden. Auf die Frage nach seinen eigenen Gefühlen ihr gegenüber schildert mir der Kollege, dass er sich anfänglich sehr um die Patientin bemüht habe, sich väterlich ihr gegenüber gefühlt habe und fürsorglich-haltgebend für sie sein wollte, jetzt jedoch nehme er teilweise sogar aggressive Gefühle ihr gegenüber an sich wahr, was ihn sehr erschrecke. Nunmehr wird deutlich, dass sich zwischen Arzt und Patientin eine unbewusste Übertragungssituation aufgebaut hat: Die Patientin überträgt auf den Kollegen all ihre unerfüllten Wünsche nach einem Vater, der nur für sie da ist und ihr das gibt, was sie braucht. Dementsprechend kann sie gar nicht gesund werden und positiv auf die homöopathischen Mittel reagieren, weil sie ihn ja sonst verlieren würde! Nunmehr stellt sich die Konstellation aber so dar, dass sich ihr Trauma zu wiederholen scheint, denn durch die klammernde Haltung der Patientin wird der Kollege zunehmend in die Position gedrängt, dass es ihm zu viel wird und er sie ablehnt. Das erneute Verlassenwerden durch eine Vaterfigur droht sich zu wiederholen.

Durch die Supervision konnte der Kollege diese unbewusst wirkende Übertragungssituation verstehen, und es war ihm wieder möglich, eine verständnisvolle Haltung der Patientin gegenüber einzunehmen. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass sie eine psychotherapeutische Behandlung bei einem Kollegen begann, wodurch er in dem Anspruch, alle ungelebten väterlich positiven Qualitäten für sie darstellen zu müssen, entlastet wurde. Schon bald zeigte sich dann, dass die homöopathische Behandlung erfolgreich war, denn nun konnte die Patientin auch Fortschritte in der homöopathischen Behandlung zulassen, ohne Angst zu haben, dadurch den Vater zu verlieren. Nunmehr hatte sie die Sicherheit, einen zweiten Vater – den Psychotherapeuten – zu haben. So wurde durch die Supervision eine schwierige Arzt-Patienten-Beziehung zum Positiven hin gewendet.