Paartherapie

Paarbeziehungen entwickeln sich im Laufe der Partnerschaft: entweder positiv, für beide Partner lebensbereichernd oder negativ, für beide lebensbelastend. Doch während Teamentwicklung mittlerweile ein fester Bestandteil der beruflichen Welt geworden ist, wird die Entwicklung einer Paarbeziehung meist noch viel zu wenig ernstgenommen: zu selbstverständlich wird die anfängliche Liebesbeziehung als alleinige Basis für das Gelingen einer Partnerschaft gesehen. Und in dieser Haltung werden wir von den vielen Liebesgeschichten in den Medien auch noch bestärkt. Flaut die Liebe ab, ergeben sich Konflikte oder findet keine Kommunikation mehr statt, scheint die Tendenz eher zur Trennung einer Beziehung zu gehen, als sich gemeinsam auf den oft beschwerlichen Weg der Entwicklungsarbeit zu begeben. Die Scheidungsraten steigen sprunghaft an, der Partnervermittlungs-Markt wächst: die Suche nach dem Traummann oder der Traumfrau ersetzt die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Partner. Dabei gibt es in keinem anderen Lebensbereich so sehr wie in der Partnerschaft die Chance, aus unbewussten Übertragungsmustern, die wir alle aus frühen Kindertagen in uns tragen, herauszuwachsen und sich psychisch zu entwickeln. Dient doch der Partner oder die Partnerin oft als Trigger für uralte negative Beziehungserfahrungen – und unreflektiert machen wir dann unser Gegenüber für diese Wiederholung von schmerzlich erlebten Gefühlen, unerfüllten Bedürfnissen und Wünschen verantwortlich.

Der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi nennt diese Dynamik Kollusion: unbewusst werden positive wie negative frühe Beziehungserfahrungen aus der Herkunftsfamilie bei den jeweiligen Partnern durch die Paarbeziehung aktiviert. Wenn die negativen Beziehungserfahrungen nicht durch einen Bewusstwerdungsprozess der tatsächlich verursachenden Person – meisst der Mutter und/oder dem Vater – zugeordnet werden, übertragen die Partner diese unbewusst auf den jeweils Anderen. Dann erlebt z.B. der Mann seine Frau als unselbständig, bedürftig, immer schlecht gelaunt, krank, abweisend, gefühlskalt; oder aber übergriffig, vereinnahmend, dominierend – je nachdem, wie er seine Mutter erlebte. Die Frau andererseits erlebt ihren Mann als rechthaberisch, dominant, uneinfühlsam, abwertend und wenig unterstützend; sie fühlt sich vielleicht von ihm zuwenig wahrgenommen und alleingelassen – so wie sie es bei ihrem Vater erlebt hat.

Können sich die Partner nicht über ihr Erleben austauschen und es so relativieren, wird diese Übertragungsdynamik so mächtig, dass ein dysfunktionales Beziehungsmuster dem Paar das Zusammenleben erschwert oder verunmöglicht. Sexualität und Erotik bleiben sowieso auf der Strecke – denn unbewusst wirkt das Inzest-Tabu. Die Paartherapie auf tiefenpsychologisch-fundierter Basis ermöglicht den Partnern, diese unbewusste Kollusion zu erkennen, sie zu reflektieren und aufzulösen: dann kann sich eine reife, erwachsene Lebens- und Liebesbeziehung zwischen den Partnern entwickeln, die nicht mehr geprägt ist vom Übertragungsspuk aus Kindertagen.